Am Niederrhein geschehen tatsächlich unerhörte, unglaubliche - ja sogar unheimliche Begebenheiten, die ich nicht glauben würde, wenn ich sie nicht mit meinen eigenen Dortmunder Sinnen wahrgenommen hätte. Wenn mir beispielsweise ein Meerbuscher oder ein Münchrather diese Geschichte erzählt hätte, so wäre mir sofort klar gewesen, dass dieser Mensch zwar ernst genommen werden will aber eben auch bedauert werden muss - Niederrheiner eben.
Als Dortmunder hingegen bin ich der Spökenkiekerei völlig unverdächtig, außerdem habe ich Beweise! Ich gehe nämlich niemals ohne meinen Fotoapparat aus dem Haus, denn man weiß ja nie...
Am Nachmittag machte ich - Heike und Ludger, zwei niederrheinische(!) Freunde hatten soeben ihren Besuch bei mir beendet - wie üblich meinen Spaziergang durch die Wiesen. Alles war friedlich. Ein leichter Wind kam mir aus Südwest entgegen, mein Hund schnüffelte entspannt durchs Gras, die Diesel der Rheinfrachter in der Nähe tuckerten gemütlich und vom Verkehr auf dem Düsseldorfer Flughafen war wenig zu hören. Noch weit entfernt sah ich einen dunklen Punkt auf einer Hochspannungsleitung. "Ein Raubvogel", dachte ich und schraubte mein Teleobjektiv an das Gehäuse der EOS. Als ich hindurchblickte und auf den Punkt fokussierte, wollte ich meinen Augen nicht trauen. Gottseidank hatte ich genügend Geistesgegenwart sofort auszulösen:

Eine Hausgans balancierte auf einem der Drähte. Sie spreizte die Flügel weit auseinander. Das half ihr offensichtlich das Gleichgewicht zu wahren. Ich war sprachlos. Dass es eine Hausgans war, konnte ich gut erkennen. Andererseits weiß ja jedes Kind, dass Hausgänse wegen ihres angezüchteten Gewichts nicht fliegen können. Wie also war diese akrobatische Gans auf den Draht gelangt? Das musste ich genauer wissen. Die Hochspannungsleitung war etwa noch 300 Meter entfernt, ich lief los. Das war ein Fehler, denn im Laufen konnte ich nicht fotografieren. So musste ich mit bloßem Auge sehen, was ich nun mit dürftigen Worten wiedergebe: Die Gans federte in den Knien, ein-, zwei- dreimal, dann stieß sie sich ab vom schwankenden Draht, tat einen Kopfsprung, elegant und geschmeidig wie ein geübter Turmspringer und folgte - ebenfalls wie ein Turmspringer - mit hohem Tempo der Schwerkraft. Wenn ich bisher leichtfertig und oberflächlich den Satz "Vögel können fliegen" jederzeit durch meine Unterschrift bestätigt hätte - hier wurde das widerlegt oder zumindest eine deutliche Differenzierung verlangt. Dieser Vogel stürzte kopfüber - offenbar in selbstmörderischer Absicht - dem knochentrockenen Ackerboden entgegen.
Den Aufprall vermochte ich nicht zu sehen, eine Buschreihe verwehrte mir den Blick. Als mein Hund und ich wenig später atemlos unter der Stromleitung anlangten, war da nichts. Gans und gar nichts. In einiger Entfernung auf den Rhein zu sah ich eine Bewegung. Ich riss das Tele hoch und drückte ab.